Island - Ein Journal

Island, 31. August bis 19.September 2018, der Versuch einer Dokumentation

Preludium

Tagebücher feiern ja eigentlich das alltägliche, sagt ja schon der Name. Das Banale? Kann sein. Sie halten aber fest, was flüchtig ist, Momente, Augenblicke: Das Jetzt.

Hier, jetzt, ist anders. Ein Ziel, hingearbeitet. Vorfreude. Erwartungen. Vorbereitungen. Das jeweilige Jetzt festhalten, mitteilen. Ein nicht alltägliches 'Jetzt'. Eine Reise an einen neuen unbekannten Ort, ein Wechsel aus dem Alltäglichen heraus.

Vorbereitungen

Vor der Vorfreude liegen die Vorbereitungen. Der Schnitt aus dem Alltag in das Neue, das Unbekannte. Das Banale. Vielleicht deswegen die Idee dieses Tagebuches, oder etwas behübscht Journals? Konfusion und die Explosion von Checklisten und ToDos. Wer checkt, ob alles auf einer Checkliste steht?

Aber auch darum, hinsetzen, denken, schreiben, atmen, packen.

Anhäufungen

Alttagsroutine, fließend, stoppt. Ein Fixpunkt, an dem sich Erledigungen, Tätigkeiten stauen und Hektik auftaucht, da der scheinbar immerwährende Alltag plötzlich ein Ende hat. "Aus"-zeit. Tage verdichten sich. Und macht die Auszeit erst recht notwendig.
Die letzten Erledigungen, Einkäufe. Packliste zum elfzigsten mal durchgehen. Erste Anhäufungen von Dingen, am Tisch hier, am Sessel dort. Online Check-In, Pass, Voucher für den Mietwagen. Dazwischen: Innehalten. Tagträumen. Erwartungen streicheln. Erwartungen im Zaum Halten.

Herumpacken, Gewichtsbeschränkung. Informationen zusammentragen, Mietauto, wann wo welche Unterkunft. Tüfteln. Die Reise liegt irgendwo, entfernt.

Tag 1: 31. August 2018

Reise

Das Gefühl des nicht wirklich vorbereitet seins bleibt irgendwie, auch wenn Seesack und Rucksack schon seit Stunden gepackt neben der Türe stehen.
Reisen ist speziell zu Beginn auch eine Aufgabe der Selbstbestimmtheit. Man überantwortet sich Gewichtsbeschränkungen, Packregelungen, Fahrplänen, Abfahrtszeiten, Checkins und Anschlüssen.

Zeit fliesst nicht, sie hüpft von Zeitpunkt zu Zeitpunkt. Taxi, Zug, die erste Etappe. Von Haltstelle zu Haltstelle. Andere Menschen, mit ihren Zielen, ihren Rucksäcken, mit ihren Gesichtern vermitteln irgendwie das erste mal das Gefühl einer Reise. Die Reise beginnt am bereits am Weg, mit der Bewegung.
Interessanterweise hat Reisen viel mit Innehalten, Verweilen, Warten zu tun. Warten auf den Anschluss, auf das Öffnen des Schalters, auf die Abfahrt, den Abflug.

Itinerar...

Am Weg

Taxi. Zug. Flugzeug. Bus. Mietauto. Salzburg, München, Reykjavik-Keflavik, Grindavik. Reisen heisst Rhythmus finden. Und indiesem Rhythmus im Wechsel mit der Umgebung sich einlassen, sich öffnen. Gewisse Verkehrsmittel machen dies möglich, manche stehen dem im Weg. Fliegen ist Ordnung, kein wiegender Rhythmus, sondern ein Stakkato. Letztendlich aber dann sind alle geschlichtet und wir sind in der Luft, über den Wolken, jenseits des Regens. Der begrüßt uns dann wieder in Reykjavik, bei der Landung. Island, zuerst grünlich-braun, ein Klecks im dunkeln Wasser, dann real, unter den Füßen. Der Flughafen wirkt mehr wie ein Einkaufszentrum, im Gegensatz zur kalten, sterilen Nüchternheit in München.

Reisen ist Suchen, auf mehreren Ebenen. Hier, jetzt, banal: Ausgang, Gepäck, Autovermietung. Das Band zur Gepäckausgabe wird ohne Durchsage geändert. Nur auf der Ausgabetafel erscheint plötzlich der Flug nicht mehr, sondern auf der drei Bänder vorher... wenigstens kommt der Seesack.
Die Suche nach der Autovermietung war dann doch ein kleine Quest: Direkt im Flughafengebäude gibt es Autovermietungen, aber nicht die, die ich brauche. Nach etwas herumirren sehe ich die Ausschilderung für ein "Autovermietungs-Shuttle", der ich folge. Das ganze entpuppt sich als quasi kleine Buslinie, die die Autovermietungen, die rund um den Flughafen liegen miteinander verbindet, gratis. Ich habe Glück, meine ist gleich die erste Station, nach nicht einmal fünf Minuten erreicht. Nach ein wenig hin und her und auch Smalltalk in der Autovermietung sitze ich dann im Auto, ohne Skrupel auf den Namen Sleipnir getauft, starte das Tablett mit Karten-App, Koordinaten der ersten Unterkunft aus der Buchungsbestätigung kopiert, Navigation gestartet, Auto gestartet, in den ersten Kreisverkehr.

Die Autofahrt vom Flughafen Keflavik nach Grundvik, funkioniert, auch hier mehr ferngesteuert als selbstverantwortlich. Erste Eindrücke: Wieder diese Farben, grün, gelb, braun, nur intensiver. Wind. Wind. Regen. Wind. Und abgelenkt vom unbekannten Auto, von den Beschriftungen in der fremden, unzugänglichen Sprache. Und von den eigenen Gedanken.

Island, ich bin da?

Tag 2: 1. September 2018

Reisen hat auch mit Ankommen zu tun. Die Bewegung trifft den Punkt.

Auch wenn das mit dem Ankommen so eine Sache ist. Dieser Punkt gleicht einem Licht in der Nacht, dem man sich nähert, es aber nicht größer wird, zumindest anfangs. Reisen ist Ankommen...

Aktuell, der erste Morgen, die erste wirkliche Strecke, Etappe, da ist es mehr ein verlegenes gegenseitiges Umkreisen, so wie mit einer Person, mit der man ins Gespräch kommen möchte, aber nicht weiß wie.

Dann, am Straßenrand, erste Fotomotive wahrgenommen: Von einer Anhöhe, Klippen, Wellen. Ein Stück weiiter, ein Lavafeld, gelblich-grün, mit bizarren Formationen, an einer Abzweigung einer sogenannten "F-Road", allso einer nicht asphaltierten, teilweise nicht wirklich befestigten Straße, oder besser: Piste. Ein Kribbeln. Bei der Küste findet sich gleich eine Möglichkeit, stehen zu bleiben. Raus aus dem Auto, mitten in die Arme des Windes, böig, kalt. Der Beginn eines Rituals, Kamera in die Hand, Perspektiven erkunden, Linsen, Filter, Zubehör jonglieren. Aufnahme. Aufnahme. Aufnahme.

Küste Ins Blaue...

Die abzweigende Straße, eine Versuchung. Umweg? Reisen Wege zu beschreiten, die sich auftun. Zuerst, naja, bis zu dem Hügel da hinten, ach da vorne ist eine bessere Anhöhe. Dann doch ein Blick auf die Karte. Passt schon, ein Haken, den wir schlagen. Weiter. Weiter. Die Landschaft: Beeindruckend. Anders. Spannung eher mehr Lampenfieber.

Die Bildergalerie dazu...

Tag 3: 2. September 2018

Geysir

Das Original... Also die Ortschaft, die ihren Namen hergab für heiße Springbrunnen, die aus der Erde sprudeln - und der eine. Naja, nicht ganz: Der einenamensgebende Geysir ruht seit längerer Zeit... Dafür tut sich der Nachbar, Strokkur, keinen Zwang an.

Geysir 1 Geysir 2 Geysir 3 Geysir 4

Gullfoss

Gullfoss

Tag 4: 3. September 2018

Thingvellir National Park

Thingveillir

Tag 5: 4. September 2018

Das Journal erfüllt seinen ureigenen Zweck: Struktur in das Fließen zu bringen, die Ankerpunkte zu legen...

Von der Unterkunft nach Husafell, ein Stopp für Erkundigungen - Planung vorab hätte hin und wieder doch auch seine Berechtigung. Lesen im Reiseführer auch. Gedanken zu Sprunghaft, nicht entschlussfähg.
Jedoch war in Husafell nur ein kleiner Lebensmittelladen offen, der keine Wanderkarten führt, die Touristeninfo sperrt erst vier Stunden, um 13h, auf...

Dann, der Regen pausierte etwas, ein letzter Zwischenstop für den Tag lag am Weg, wie der Reiseführer verriet... Doch das mit dem Regen war wieder mal trügerisch bzw. nur von kurzer Dauer, wenn auch dafür öfters.
Hraunfossar Kaum war die Kamera am Stativ, die Linse blank, kam der Regen wieder. Das Baumwolltuch in der einen Hand, Kabelauslöser in der anderen, über die Kamera gebeugt, mit prüfendem Blick, ob Tropfen auf dem Filter sitzen, die erste Aufnahme. Die Tropfen waren bereits auf der Linse, hinter dem aufgesetzten Filter. Baumwolltuch in der Hand, Kabelauslöser hängen lassen, Filter runter Linse trocknen und abschirmen, Linse drauf. Ha! Und Aufnahme ohne Tropfen, trotz langer Belichtung, der Aufnahmewinkel zeigte schräg nach unten.

Tag 6: 5. September

Fahrt nach Stykkishólmur, nicht am direktesten Weg, aber dafür genug Platz für die Gedanken. Und Futter für dieselben, links und rechts des Weges.

Der Aufbruch unter einem trüben Himmel, mit dem Besuch der Ortschaft Reykholt. Der sieht man ihre geschichtliche Bedeutung nicht wirklich an. Die hat sie aber. Sie ist die Heimat von Snorri Sturluson und dieser wird für den Verfasser der "Prosa-Edda" (Snorra-Edda) gehalten, wie ich dann doch noch "er-lesen" habe. Außerdem war er einer der ersten Wellness-Liebhaber, was mit einer heißen Quelle vor der Haustüre nicht schwer ist, er ließ sich ein eigenes Bad bauen, mit unterirdischem Zugang. Ds Bad kann man in Teilen heute besichtigen, ist aber mehr Nachbau als Überrest...

Der Ort eine Ansammlung von ein paar Häusern, eigentlich nur die Gebäude, die eine Ortschaft ausmachen, mit einer Ausnahme, der Bedeutung Snorri Sturluson geschuldet, eine große Bibliothek und Museum, nur leider geschlossen. 2 Kirchen, eine alt, eine neu. Die erstere mit einem Friedhof und Ausgrabungen. Keine Menschen, ein paar Autos. Etwas weiter entfernt Gewächshäuser, ebenfalls von den heißen Quellen profitierend.

Das Tal grün, Weiden, Wiesen, Schafe weiße Tupfer. Und Dampfwolken, größere Tupfer, Wattebäusche in der Landschaft verteilt, im gesamten Tal.

Fels... Fels in der Brandung Im Hafen von Stykkisholmur

Tag 7: 6. September

Umrundung Snaefellness-Halbinsel

Fels in der Brandung Roadtrip

Tag 8: 7. September

Rund um Stykkishólmur - Der Roadtrip neigt sich seinem Ende entgegen, und er hatte auch ein bißchen Tribut gefordert, eine gewisse Müdigkeit, Überfütterung vielleicht. Es war Einkehr, Ruhe angesagt. Reisen als Standortsbestimmung, wieder.

Vögel

Post-Conference Tour...

Der krönende Abschluss: Post-Conference Tour

Coda

Wieder in Reykjavik

Abschluss...

Das Busticket für die Fahrt zum Flughafen um 4 Uhr früh ist gekauft. Ich gehe durch den großen Park, die Sonne scheint, die Luft klar, frisch. Ein bißchen Herbst. 5 Graugänse, in Formation, ziehen über mich hinweg.

Reisen ist Abschiednehmen.
Reisen ist Ankommen.
Reisen ist Heimkommen.
Reisen heißt ein Ziel haben.

Die nächste Reise.
Ich reise.
Komme ich an?

Reisen verdammt einen zum Ankommen.